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Friedrich Ruttner

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Friedrich Ruttner (* 15. Mai 1914 in Eger, Österreich-Ungarn; † 3. Februar 1998 in Lunz am See, Österreich) war ein österreichischer Zoologe, Mediziner und einer der weltweit bedeutendsten Bienenwissenschaftler (Apiologe) des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Pionier der modernen Taxonomie der Honigbienen und der Erforschung ihrer Paarungsbiologie.

Leben und akademischer Werdegang

Friedrich Ruttner wurde 1914 als Sohn des Limnologen Franz Ruttner geboren. Er wuchs in der Biologischen Station Lunz auf, was sein frühes Interesse an den Naturwissenschaften prägte. Er studierte Medizin an der Universität Wien und promovierte dort 1938 zum Doktor der Medizin (Dr. med.) und wurde 1939 Mitarbeiter am Erbbiologischen Forschungsinstitut der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft des Eugenikers Hermann Boehm in Alt Rehse. Parallel dazu vertiefte er seine Kenntnisse in der Zoologie und Genetik.

Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Sanitätsoffizier, setzte aber nach Kriegsende seine wissenschaftliche Laufbahn fort. 1946 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Hans Ruttner die Abteilung für Bienenkunde an der Bundesanstalt für Bienenkunde in Lunz am See. 1948 habilitierte er sich für das Fach Zoologie an der Universität Graz.

Im Jahr 1964 folgte er dem Ruf auf den Lehrstuhl für Bienenkunde an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und wurde gleichzeitig Leiter des Instituts für Bienenkunde in Oberursel. Diese Position hielt er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1981 inne. Auch nach seinem Ruhestand blieb er wissenschaftlich aktiv und kehrte in seine Heimat nach Lunz am See zurück.

Den ersten großen Durchbruch und die nationale und internationale Anerkennung erzielte Friedrich Ruttner 1954 mit dem Nachweis der Mehrfachpaarung bei Bienen bei den Versuchen auf der sizilianischen Mittelmeerinsel Vulcano. Diese Ergebnisse und die morphometrischen Studien an den Unterarten der Westlichen Honigbiene Apis mellifera gelten bis heute als weltweit wegweisend in der Bienenzüchtungskunde. Sie sind Grundlage für die Erkenntnisse der biologischen Unterartenbildung der Honigbiene und ihre Verwandtschaftsverhältnisse.

Forschungsschwerpunkte

Ruttners wissenschaftliches Werk umfasst mehr als 200 Publikationen. Seine Beiträge zur Imkerei und Bienenwissenschaft lassen sich in drei Hauptbereiche unterteilen:

1. Paarungsbiologie der Honigbiene

Ruttner lieferte den entscheidenden Nachweis für die Mehrfachpaarung (Polyandrie) der Bienenkönigin. Zuvor herrschte die Meinung vor, eine Königin paare sich nur einmal auf ihrem Hochzeitsflug. Ruttners Untersuchungen zeigten, dass sie sich mit bis zu 20 Drohnen paart, was für das Verständnis der genetischen Diversität innerhalb eines Bienenvolkes fundamental war. Er entwickelte zudem Methoden zur instrumentellen Besamung, die heute Standard in der Bienenzucht sind.

2. Biogeographie und Taxonomie

Sein wohl wichtigstes Werk ist die morphometrische Klassifizierung der Honigbienenarten und -rassen. Er führte computergestützte statistische Methoden (Multivariate Analyse) ein, um das Flügelgeäder und andere Körpermerkmale zu vermessen. Sein Buch „Biogeography and Taxonomy of Honeybees“ gilt bis heute als das Standardwerk der Branche. Er identifizierte und beschrieb zahlreiche Unterarten der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera).

3. Zucht und Selektion

Ruttner war maßgeblich an der systematischen Züchtung der Carnica-Biene beteiligt und förderte die Belegstellenarbeit. Er setzte sich stets für einen wissenschaftlich fundierten Naturschutz und den Erhalt der genetischen Vielfalt der Bienenrassen ein.

Mitgliedschaften und Ehrungen

  • Friedrich Ruttner genoss internationales Ansehen und war in zahlreichen Gremien tätig:
  • Präsident der Internationalen Union zum Studium der sozialen Insekten (IUSSI).
  • Langjähriges Vorstandsmitglied der Apimondia.
  • Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.
  • Ehrendoktorwürden und zahlreiche wissenschaftliche Medaillen internationaler Institute.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Die Zuchtauswahl bei der Biene. Ehrenwirth, München 1963.
  • Zuchttechnik und Zuchtauslese bei der Biene. Ehrenwirth, München 1973–1996, 3.–7. Auflage.
  • Instrumentelle Besamung der Bienenkönigin. Apimondia, Bukarest 1975.
  • Königinnenzucht. Apimondia-Verlag. Bukarest 1980.
  • Beute und Biene (Grout/Ruttner). Ehrenwirth, München 1971.
  • Biogeography and Taxonomy of Honeybees. Springer, Berlin 1988, ISBN 3-540-17781-7.
  • The Dark European Honey Bee. British Isles Bee Breeders Association, 1990. ISBN 0-905369-08-4.
  • Naturgeschichte der Honigbienen. Ehrenwirth, München 1992, ISBN 3-431-03204-6.

Literatur

  • Karl Weiß: In Memoriam Friedrich Ruttner. In: Apidologie. Band 29, 1998, S. 201–204.
  • Stefan Kirchner: Ruttner, Friedrich. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 306 f.