Apis mellifera carnica

Kärntner Biene Apis mellifera carnica, Pollmann 1879
Die Kärntner Biene (Apis mellifera carnica), auch Carnica oder Krainer Biene genannt, ist eine natürlich entstandene Unterart der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera). Innerhalb der Imkerei im deutschsprachigen Raum ist sie heute die am weitesten verbreitete Biene, da sie für ihre Sanftmut und Leistungsfähigkeit geschätzt wird.
Ursprüngliche Verbreitung
Das angestammte Verbreitungsgebiet der Carnica erstreckt sich über den südöstlichen Teil Mitteleuropas und den Balkan. Es umfasst insbesondere:
- Österreich (vor allem Kärnten und die Steiermark)
- Slowenien (historische Region Krain, Namensgeber der „Krainer Biene“)
- Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien
- Ungarn
- Teile Rumäniens und Bulgariens
Sie gehört zur sogenannten Balkan-Rassengruppe und bildet die nördlichste Vertreterin dieser Gruppe. In Deutschland und der Schweiz ist sie ursprünglich nicht heimisch, wurde dort aber im 20. Jahrhundert massiv eingeführt und verdrängte die dort ursprünglich ansässige Dunkle Europäische Biene (Apis mellifera mellifera).
Aussehen und Merkmale
Die Carnica wird oft als „graue Biene“ bezeichnet. Ihre optischen Hauptmerkmale sind:
- Färbung: Der Chitinpanzer ist dunkel, oft mit lederbraunen Aufhellungen oder „Ecken“ am ersten Hinterleibssegment.
- Behaarung: Charakteristisch sind die auffallend breiten und dichten grauen Filzbinden auf den Rückenplatten des Hinterleibs, die ihr ein graues Erscheinungsbild geben. Das Überhaar ist kurz und dicht. Auffallend ist die "Zusatzbinde" des ersten Tergits.
- Größe: Sie ist mittelgroß und wirkt im Vergleich zur kräftigeren Dunklen Biene eher schlank.
- Rüssellänge: Mit 6,4 bis 6,8 mm besitzt sie einen vergleichsweise langen Rüssel, was ihr den Zugang zu tiefliegenden Nektarquellen (z. B. Rotklee) ermöglicht.
- Flügelgeäder: In der morphometrischen Analyse zeichnet sie sich durch einen hohen Cubitalindex (durchschnittlich 2,4 bis 3,0) aus.
Biologische Eigenschaften
Die Carnica hat sich als Gebirgsbiene an ein Klima mit kalten Wintern und kurzen, intensiven Trachtperioden angepasst.
- Sanftmut: Sie gilt als eine der friedfertigsten Bienenrassen weltweit. Imker können oft ohne Schutzkleidung oder Rauch an den Völkern arbeiten.
- Wabenstetigkeit: Die Bienen bleiben bei der Durchschau ruhig auf den Waben sitzen (sie „laufen“ nicht).
- Entwicklungszyklus: Ein markantes Merkmal ist die explosive Frühjahrsentwicklung. Sobald die ersten Pollenspender blühen, geht das Volk in eine starke Bruttätigkeit über.
- Schwarmtrieb: Aufgrund der schnellen Volksentwicklung im Frühjahr neigt die Carnica im Vergleich zu anderen Rassen (wie der Buckfast oder Ligustica) stärker zum Schwärmen. Moderne Zuchtlinien haben diese Eigenschaft jedoch deutlich reduziert.
- Überwinterung: Sie überwintert in vergleichsweise kleinen Völkern, ist dabei sehr sparsam mit den Futtervorräten und hält eine strikte Brutpause ein.
Geschichte und der „Siegeszug“ im Norden
Bis etwa 1930 war in Deutschland überwiegend die Dunkle Biene (A. m. mellifera) verbreitet. Der Wechsel zur Carnica erfolgte aus mehreren Gründen:
- Ertrag: Die Carnica lieferte in den damals aufkommenden Magazinbeuten oft höhere Honigerträge.
- Nationalsozialismus: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Carnica zur „Reichsbiene“ erklärt. Im Rahmen der „Gleichschaltung“ und zur Ertragssteigerung (Autarkiebestrebungen) wurden Königinnen massenhaft aus Kärnten nach Deutschland transportiert.
- Nachkriegszeit: Auch nach 1945 hielt der Trend an, da die Carnica durch ihre Sanftmut die Imkerei in dicht besiedelten Gebieten erleichterte.
Urzüchter und historische Zuchtlinien
Die moderne Carnica-Zucht geht auf einige Pioniere zurück, die im frühen 20. Jahrhundert begannen, die besten Völker ihrer Region zu selektieren:
- Jakob Wrisnig (Linie Troiseck): Aus der Obersteiermark stammend, gilt das „Troiseck“-Material als eine der stabilsten Grundlagen der heutigen Zucht.
- Guido Sklenar (Linie Sklenar): Er selektierte im niederösterreichischen Mistelbach den „Stamm 47“. Diese Linie ist bekannt für ihre extreme Sanftmut und die Fähigkeit, große Honigstapel anzulegen.
- Hans Peschetz (Linie Peschetz): Er fand am Fuße des Hochobir in Kärnten ein besonders leistungsfähiges Material. Die Peschetz-Biene gilt als sehr vital und anpassungsfähig an raue Lagen.
- Jakob Wankler: Ebenfalls ein früher Pionier aus der Steiermark, der die Grundlagen für die Reinzucht legte.
Heutige Zuchtlinien
Heute wird die Carnica in spezialisierten Züchterringen betreut (z. B. in der AGT – Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht). Wichtige aktuelle Linien sind:
- Troiseck (verschiedene Unterlinien wie 1075, 03): Sehr weit verbreitet, ausgewogen in allen Eigenschaften.
- Sklenar: Beliebt bei Hobbyimkern wegen der legendären Friedfertigkeit.
- Peschetz: Geschätzt für die Nutzung von Waldtrachten und Robustheit.
- Celler Linie: Eine in Norddeutschland (Landesinstitut Celle) an das dortige Klima angepasste Carnica-Form.
In jüngster Zeit liegt der Fokus der Zucht weniger auf maximalem Ertrag, sondern verstärkt auf der Varroatoleranz (VSH-Eigenschaften), um die Abhängigkeit von chemischen Behandlungen gegen die Varroamilbe zu verringern.
Literatur
- Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos, Stuttgart 1992, ISBN 3-440-09125-2.
- Hans Peschetz: Der Weg zur besten Biene: Die Carnica-Biene. Verlag Ploetz, Wolfsberg 1954.
- Guido Sklenar: Imkerpraxis: Meine Betriebsweise und das Sklenar-Verfahren. Eigenverlag, Mistelbach 1923 (diverse Neuauflagen).
- Gottfried Goetze: Die beste Biene. Liedloff Verlag Gießen 1940.
- Alois Wallner: Varroaresistenz – heute. Eigenverlag, 1994.